Wissend is the new sexy.

Gelb-Oranger Hintergrund, schwarz-weißer Laubbaum davor das Cover eines Buches und der Hinweis "Buch der Woche Nr. 6"

BUCH DER WOCHE Nr. 6: Power to the Princess von Vita Murrow und Julia Bereciartu

Märchenhafter Aha-Moment

Was lässt sich von einem Märchenbuch, dass die klassischen Geschichten ganz neu erzählt, lernen? Was haben Disney-Filme mit der Buchvorstellung zu tun? Ich bekomme die Kurve, Feen-Ehrenwort!

Über das Buch “Power to the Princess – Märchen für mutige Mädchen” bin ich wegen der Illustratorin Julia Bereciartu gestolpert. Ich mag ihre Arbeiten und habe das Buch aus einem Impuls bei der Lieblingsbuchhandlung bestellt. Ich wusste nicht so ganz was mich erwartet und war (das muss ich zugeben) skeptisch als ich es dann in den Händen hielt.

Ich bin ein Kind der 90er und mit Disney-Filmen aufgewachsen. Sie gehören zu meinen wärmsten Kindheitserinnerungen. König der Löwen konnte (und kann) ich im Schlaf mitsingen. Vielen Geschichten habe ich das erste Mal durch die Disney-Filme kennen gelernt. Und später erst begriffen, dass die Grundlage für diese Filme oft Märchen aus dem mitteleuropäischen Raum waren. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Erkenntnis, dass die kleine Meerjungfrau bei Hans Christian Andersen ein sehr viel bedrückenderes Ende nimmt. Statt wie im Disney-Film mit ihrem Prinzen in den Sonnenuntergang zu segeln, vergeht die kleine Nixe zu Meeresschaum, weil sie es nicht übers Herz bringt dem Prinzen das Leben zu nehmen, als der sich in eine andere verliebt. Disney hat die Erzählung der Märchen angepasst, die Geschichten mit Wendungen hin zu einem jugendfreundlichen Happy End erzählt. Stellen wir uns mal vor: gemütlicher Disney-Kino-Abend mit Schneewittchen und den sieben Zwergen. Zum Schluss der begeisterte Ringelrein der Zwerge während Prinz und Prinzessin auf einem weißen Pferd in die Flitterwochen reiten… und die böse Stiefmutter tanzt mit ihren Eisenschuhen weiter auf den heißen Kohlen bis sie tot umfällt. Danke Gebrüder Grimm für das Kindheitstrauma.

Mittlerweile sind die Disney-Filme Klassiker, die als Live-Action neu verfilmt werden. Also Disney-Filme mit Schauspieler:innen und Animationsaufwand. Den größte Aufschrei gab es wohl als bekannt wurde, dass Halle Bailey die Hauptrolle bei der Verfilmung von “The little mermaid” übernehmen soll. Eine Schwarze Arielle, aber was ist mit den markanten, roten Haaren!? Das Internet ist praktisch heiß gelaufen, der Hashtag #notmyariel trendete und Rassismus-Debatten kamen auf. Dabei hat sich Disney doch nur wieder einmal entschieden, die Geschichte etwas anders zu erzählen…

Ariel vergräbt Gesicht in den Händen

Ist mir schon etwas peinlich, dass erstmal alles beim Alten bleiben sollte… Hab ja noch mal drüber nachgedacht.

Als Disney-Fan habe ich die Diskussionen mitverfolgt und meine erste Reaktion “Aber meine schönen Kindheitserinnerungen, Arielle muss bleiben wie sie ist” aufgebrochen und begriffen, dass Kinder Vorbilder brauchen, dass es wichtig ist in Geschichten und im Alltag den verschiedensten Menschen, Lebensrealitäten und -entwürfen zu begegnen. Zu begreifen, dass Lebensrealitäten divers sind. Und daher müssen diverse Geschichten erzählt werden, egal ob als Märchen, im Film oder „im echten Leben“. Die Geschichte von der gesellschaftlichen Norm ist eben eine Geschichte. Menschen haben beschlossen sie uns so zu erzählen. Menschen können beschließen sie anders zu erzählen und aufzubrechen. Meine wichtigste Erkenntnis: wir können die Narrative nicht nur in Geschichten ändern, sondern auch in unserer Gesellschaft.

Und hier kommen wir zum Buch: Die Autorin hat beschlossen klassische Märchen anders zu erzählen. Nämlich divers und geht damit einen großen Schritt weiter als Disney. Die Geschichten sind empowernd, es geht um Zusammenhalt, Freundschaft, Lebensentwürfe abseits der Erwartung, Rollenbilder und Geschlechteridentität. Ich war begeistert von den starken Charakteren, die nicht im Turm auf ihre Rettung gewartet haben, sondern ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen. Zugegeben, bei machen Geschichten habe ich noch mal nachgeschaut, wie die Geschichte “eigentlich” verlief. Doch ich war jedes Mal sehr zufrieden mit den Wendungen, welche die Geschichten in dieser Erzählung nahmen. Ich reiße mich heftig zusammen um nichts vorweg zu verraten!

Lese-Empfehlung des Verlags beginnt beim Alter von 5 Jahren. Ich hatte das Buch neben dem Bett liegen und habe mir (sozusagen) selbst jeden Abend eine Geschichte vorgelesen. Ich würde allerdings auch jeder Zeit wieder begeistert Disney und Pixar-Filme anschauen. Daher bin ich etwas unschlüssig, wem genau ich das Buch empfehlen würde. Schon wegen der Themen, die aufgegriffen werden, sollten sich meiner Meinung nach, nicht nur Kinder mit dieser Erzählung von Märchen beschäftigen. Vielleicht zum gemeinsamen Lesen und diskutieren. Damit auch die Großen etwas lernen!?

Das Buch ist im Carlsen Verlag erschienen und ist in Leinengebunden und mit goldener Prägung verziert, wie so ein richtiges Märchen-Buch. 15 bunt bebilderte Geschichten auf 96 Seiten und kostet 18€. 

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  1. Tanja Wehr

    Vielen Dank für den tollen Tipp. Aus eigener Erfahrung kenne ich das: Ich liebe Schmonzetten, die im historischen Setting in England spielen. Eine meiner Lieblingsschmonzetten-Reihe ist von Netflix verfilmt worden. Das Casting erfolgte hinter einem beleuchteten Vorhang, so dass man nicht sehen konnte, welche Hautfarbe die Schauspieler haben, nur die Silhouette. Nun ist der Viscount schwarz statt weiß und einer der sexiest men alive. Die Königin von England: schwarz. Es wird im Netz gefeiert wie verrückt, wahrscheinlich kennen die meisten aber hier die Buchvorlage nicht. Im ersten Moment war ich irritiert, nach 10 Minuten war es mir egal, inzwischen finde ich es mega, weil ich auch bemerkt habe, was das mit mir macht. Bye bye Stereotype.

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