Die Zeiten ändern sich. Damit auch unsere Glaubenssätze und was wir über Rollen zu wissen glauben. Da sich zur Zeit unsere Wirtschaft mal wieder in einer Krise und geopolitisch einiges im Umbruch befindet und eine Pandemie zumindest noch herumlungert, darf es wohl auch nicht verwundern, dass dies Einfluss auf die Art der Arbeitsverhältnisse und die Werte der jüngeren Generationen beeinflusst. Eigentlich gute Voraussetzungen, um voneinander zu lernen.

An dieser Stelle wird gerne das Zitat über die junge Generation gebracht, das Sokrates zugeschrieben wird. Erfreulicherweise wird mittlerweile auch fast genauso oft darauf hingewiesen, dass es wohl doch nicht von Sokrates stammt. Das ist aber auch nicht schlimm, man kann sich leicht vorstellen, dass diese Klage über die Verlotterung der Jugend so alt ist wie die menschliche Zivilisation. Egal wann, immer ist gerade die jetzige Jugend die schlimmste Generation aller Zeiten.

Diese Vorwürfe gehen gerade Hand in Hand mit Vorwürfen von Arbeitgeberseite, die zumindest in vielen Medien präsent sind.

In meiner Wahrnehmung schwappte vor einiger Zeit dieser Trend von den USA in den deutschsprachigen Raum herüber. Arbeitgeber beklagen einige Zustände und Einstellungen ihrer Arbeitnehmer. Wobei nicht ganz klar ist, ob die Arbeitnehmer wirklich so empathielos sind wie sie dadurch erscheinen, oder ob die Krisen schlicht zum Anlass genommen werden sollen um zu Polemisieren. Vor allem auch jüngere Generationen werden angeprangert.

Quiet Quitting ist ein Begriff dem man begegnet. Dabei geht es darum, dass Arbeitende die vertraglich vereinbarten Aufgaben erfüllen. Aber eben auch nicht mehr. Für einige scheinbar ein unerträglicher Zustand, was verwundert, denn ökonomisch gesehen ist das ein absolut rationales Verhalten. Umgekehrt dürfte es auch äußerst selten vorkommen, dass Arbeitgeber aus einer Geberlaune heraus mal eben ein paar Euro mehr als den vertraglich vereinbarten Lohn auszahlen.

ironisches Zitat über die Generation Z

Andere Artikel beschäftigten sich mit überwiegend jüngeren Menschen, für die Erwerbsarbeit nicht (mehr) den Lebensinhalt darstellt. Sie haben andere Prioritäten, Familie, Gesundheit, Ehrenamt, Hobbys. Bei vielen Interviewten spielt auch eine Rolle, dass sie nicht erkennen können, wie sich eine längere Arbeitszeit für sie auszahlen könnte. Vermögensbildung oder Wohneigentum ist für sie unerreichbar, oder sogar utopisch. Interessant sind jeweils die Kommentarsektionen zu diesem Thema. Sie sind voll von anekdotischen Evidenzen, die beweisen sollen, dass diese Menschen faul seien, es nicht genug wollten. Und dass Sie doch bitteschön für ihr Land malochen und für die Renten sorgen sollen. Welche die Verunglimpften in der Form so wohl – wenn überhaupt – erst sehr spät und eher bedeutend niedriger erhalten werden.

Die Generation Z kommt wenig überraschend bei diesem Bashing überwiegend schlecht weg. Sie stehen in dem Ruf, dass sie wenig arbeiten und viel verdienen wollen. Als ob das etwas Schlechtes oder unverständlich sei. Nur ist es eben so, dass sich der Markt™ derzeit durch die demographische Entwicklung zu Gunsten des Nachwuchses entwickelt. Noch vor einigen Jahren konnten Unternehmen aus einer Fülle gut ausgebildeter und hochmotivierter junger Menschen auswählen. Und konnte die Löhne diktieren, denn die Konkurrenz war groß. Nun ist es so, dass die Unternehmen, die vor kurzem noch teure Bewerbungsmappen trotz beiliegendem Rückportos ohne mit der Wimper zu zucken geschreddert und sich nicht mehr gemeldet haben, plötzlich die Welt nicht mehr verstehen. Denn Bewerber tauchen ohne Absage zu Terminen nicht mehr auf, wohl weil sie zwischenzeitlich interessantere Angebote bekommen haben.

Um ein Beispiel zu nennen: Die Handwerkskammer versuchte mit passiv-aggressiven Anzeigen bei jungen Menschen für eine Karriere im Handwerk zu werben. Handwerkspräsident Wollseifer hält zudem das Bürgergeld für zu hoch. Das würde die Menschen, die für ein geringes Gehalt regulär arbeiteten, demotivieren.

Das ist aber nur eine Seite. Bei meinen Recherchen fand ich auch empathischere oder zumindest differenziertere Artikel. Es gibt tatsächlich zahlreiche Beiträge in Fachmagazinen mit Tipps für Ausbilder, wie sie mit Zoomern umgehen und so den Betrieb attraktiv gestalten können. Dabei geht es um Dinge wie Fairness, Respekt und Wertschätzung. Das dürfte kaum überraschen. Ich meine das aber nicht ironisch und möchte das auch nicht ins Lächerliche ziehen. Wer solche Artikel liest und diese Tipps umsetzen möchte bemüht sich immerhin um eine Weiterentwicklung.

Generell möchte ich dazu ermutigen, solchen Meldungen und Artikeln mit einer Portion Skepsis zu begegnen. Gut möglich, dass ein Kern Wahres darin steckt. Aber solche Themen ziehen natürlich auch Aufmerksamkeit auf sich (Klicks!), laden zu Diskussion und Streit ein und lenken von anderen Themen ab. Wobei die Situation darüber hinaus möglicherweise vereinfacht oder einseitig dargestellt wird.

Arbeitseinsteiger wünschen sich verständlicherweise eine gute Work-Life-Balance, faire Bezahlung, Respekt und Wertschätzung. Ausbilder oder Arbeitgeber freuen sich in der Regel, wenn Neulinge Interesse und Einsatz zeigen. In der Praxis erweisen sich Betriebe da erfolgreich, wo sich Auszubildende oder Berufseinsteigende und die alten Hasen auf Augenhöhe begegnen. Wo der einen Seite Erfahrung und Praxis fehlt, kann sie durch Neugier, Energie und neuen Erkenntnissen einen Teil zum Gelingen beitragen. Es bietet sich ein großes Feld des informellen Lernens. Wer sich mit Offenheit begegnet, der gibt der Beziehung eine Chance zum Gelingen und erlebt möglicherweise eine Überraschung.


Kommentar – Nicht die Generation Z ist faul – es sind die Arbeitgeber, die sich die Welt zu einfach machen

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