Neulich saßen wir wieder mal zusammen, wieder Mal trug es uns von einem zum nächsten Thema und dann blieben wir hängen. Bei der gestalteten Mitte. Also erst bei Stuhlkreisen und dann bei der Potenzierung unseres Hasses, wenn der Stuhlkreis noch eine gestaltete Mitte hat. So hat eine Freundin von Tanja nämlich, das mit Kerzen, Postkarten, kleiner Tischdecke und halbvertrockneter Topfblume dekorierte Pseudoatmosphäre Arrangement in der Mitte genannt. Und los ging es mit einem großen, nennen wir es Brainstorming, darüber welche Workshop-Mythen und welche Tools den größten Hass in uns wachrütteln.

Da war Feuer drin und ihr dürft jetzt teilhaben.

Was Luise den letzten Nerv in Workshops raubt.

Wenn ich die „Hidden Agenda“ schon rieche, mir dann aber immer wieder gesagt wird „Lass dich doch gerne auf die Inhalte des Workshops ein, am Ende macht es Sinn“, dann würde ich gerne direkt schreiend den Raum verlassen. Ehrlich. Es ist menschlich den Sinn in Dingen zu suchen und wenn ein Workshop, ein Seminar oder eine Veranstaltung diesen nicht klar für mich kommuniziert, dann bin ich schlichtweg damit beschäftigt für mich einen Sinn in den Inhalten und der dort verbrachten Zeit zu suchen… Lenkt mich dann davon ab, mich auf die Inhalte einzulassen und dann können wir es lassen.

Den Hintergrund verstehe ich: didaktische Reduktion. Inhalte kleiner machen, damit ich sie mir selbst im Ganzen erschließen kann. Doch der Eiertanz um Inhalte lenkt -meiner Meinung nach ab- nämlich von den Inhalten.

Schlimmer als ein geheimer Plan? Gar kein Plan. Wirklich. Wenn da so achtlos Lebenszeit verschwendet wird, dann verwandele ich mich von einem sehr wohlwollenden und freundlichen Wesen in den She-Hulk. Neulich erst passiert. Auf einer Mitgliederversammlung war mensch offensichtlich der Meinung, dass Schema F schon passen würde und dann wurde nicht an der Türklinke, sondern im Raum als alle Teilnehmenden anwesend waren, besprochen wer moderiert, wie gestartet wird… Und um da noch etwas klarer zu werden, würden diese Aufgaben in die große Runde verteilt, Teilnehmende zu Teilgebenden gemacht werden, hätte ich wirklich mit Begeisterung reagiert. Denn ich glaube, dass es immer unerwartete Experten und Expertinnen gibt, die Raum bekommen sollten sich mit der jeweiligen Superpower einzubringen. Doch in diesem Fall (und leider schon vielen anderen) war es eine Absprache zwischen den Sitzungsleitenden. Und das empfinde ich als respektlos.

Was Tanja den letzten Nerv raubt:

Tatsächlich alles was vermeintlich gut fürs Wellbeing ist, aber mit Anfassen zu tun hat. Sehr unangenehm Icebreaker mit gegenseitigem Anfassen. Ich möchte nicht gezwungen werden anderen Menschen, die ich vor gefühlt 5 Minuten kennengelernt habe, über den Rücken zu streicheln (so geschehen, wo man sich vornüber beugen sollte und die andere Person sollte einem alles was man an unangenehmen Altlasten aus der Welt ausserhalb des WS mit schleppte aus einem raus streichen – beginnend an der Wirbelsäule und dann zu allen Seiten)!!! Und ich will nicht 10 Minuten mit anderen Händchen halten und dabei eine Nähe haben, die ich nicht selbst bestimmt habe und für die ich gerade in Stimmung bin. I

Ich mag viele Übungen nicht, die mit vermeintlichem kollektivem Entspannen zu tun haben. Zum Abbau negativer Energie beispielsweise Gedankenbälle aus bösen Gedanken formen und von mir wegwerfen. Das würde bei mir mit einem echten Ball, den ich der Leitung an den Kopp werfen kann, sehr viel besser funktionieren. Auch Gedankenreisen in einer Gruppe Fremder etc. – Entspannung bringt mir das nicht. Ist einfach nicht meine Welt. Erst recht, wenn man kollektiv dazu verdonnert wird, ist das für mich verschwendete Zeit. Und nur weil einige Teilnehmende dass laut jubelnd toll finden, ist das oft hinterher im Feedback, das, was anderen besonders unangenehm war.

Und last but noch least: Stuhlkreise. ICH HASSE STUHLKREISE. Aus tiefstem Herzen. So richtig. Warum? Ich brauche einen Tisch, um Notizen zu machen. Ich brauche einen Tisch, um meine ganzen Stifte, Notizbücher etc. zu organisieren und ja ich brauche vielleicht auch einen Tisch, um mich dahinter ein wenig abgeschirmt und sicher zu fühlen. Und ich brauche verdammt nochmal einen Tisch, damit ich was trinke. Habe ich keinen Tisch, tut mir nach einer halben Stunde alles weh, weil ich versuche betont ordentlich zu sitzen, ich habe Durst, aber nachdem schon drei Kaffeetassen und zwei Gläser, die unter dem Stuhl von anderen Teilnehmenden standen, beim Bewegen der Füße lautstark und Pfützen generierend umgekippt sind, lasse ich das lieber und nehme nichts zu trinken an meinen Platz mit, ich mache keine Notizen, weil es bei meiner Figur unmöglich ist auf den Knien lässig einen Block zu platzieren und ich fühle mich die ganze Zeit unwohl. So nehme ich viel weniger mit, weil ich mehr mit mir und meinem Unbehagen beschäftigt bin, als mit den Workshop Inhalten.

Was Marcus bei Workshops nicht mag.

Irgendwie kann ich mich meistens ein Stück weit mit einem Stuhlkreis arrangieren. Wenn der Workshop ansonsten gut ist, dann kann ich zumindest anerkennen, dass eine gute Absicht hinter einem Stuhlkreis steckt oder auch hinter einer gestalteten Mitte. Jemand hat sich vorher Gedanken gemacht und Mühe gegeben, damit sich Teilnehmer willkommen und behaglich fühlen. Es ist so ein kulturelles Ding und wahrscheinlich kann der Teilgeber gar nicht anders, weil er oder sie einfach so geprägt ist. OK, ich bin ja irgendwie nicht nur Teilnehmer, sondern auch Gast und nehme die Sitten und Gebräuche an oder zumindest hin. Manchmal bin ja auch ich Trainer und da freue ich mich auch, wenn mir meine Teilnehmer zumindestens erst einmal eine Chance geben und nicht alles hinterfragen.

Den Stuhlkreis ertrage ich noch am ehesten. Ich bin meistens zu faul zum mitschreiben und will mich lieber auf den Moment konzentrieren und alles mitbekommen und mich nicht beim Schreiben stressen, daher vermisse ich keine Tische. Und ich kann auf diese Weise auch die anderen Teilnehmer besser wahrnehmen.

Die gestaltete Mitte, naja OK. Auch wenn mir das ästhetisch so gut wie nie zusagt, ich respektiere die Geste. Aber – hier schrillen bei mir meist schon die Alarmglocken: Erinnerungen werden wach und wenn mir noch kein Schweiß auf die Stirn getreten ist, dann werde ich zumindest schon etwas nervös. Denn meine Erfahrung lehrt mich, wer eine Mitte gestaltet, der ist noch zu ganz anderen Dingen fähig.

Der Teilgeber gibt sich wahrscheinlich nicht mit einem normalen "Guten Morgen" in Zimmerlautstärke zufrieden ("Na, das können wir aber besser") sondern lässt den kollektiven Morgengruß so lange proben, bis ein laut schallender Chor unisono den Morgen preist, als ob es der letzte wäre, den wir erleben dürfen.

Dann gibt es super-ätzende Spielchen, weil in irgendeinem Buch von Turnvater Jahn steht, dass alle gern spielen. Ich spiele nicht gerne, ich möchte gerne die Inhalte des Workshops genießen. Am schlimmsten ist es, wenn man nach viel zu kurzer Pause und viel zu üppigem Mittagsmahl wieder zurück ins Plenum kommt. Dann soll man besonders blöd herumhampeln, wegen des Suppenkomas. Nein danke, ich bin bewusst nicht im Tanzkurs oder im Turnverein, dann will ich mir das hier erst recht nicht geben. Bitte einfach die Pausen großzügiger gestalten oder mehr Selbstverantwortung gestatten. Ich nippe gerne noch an meiner Tasse mit Kaffee und wenn die Inhalte interessant sind, falle ich schon nicht bewusstlos vom Stuhl. Aus dem Stuhlkreis. In die gestaltete Mitte.

Falls du, liebe Leserin oder lieber Leser, ein Fan solcher Mittel und Methoden bist, nimm es bitte nicht persönlich und mir nicht übel. Es ist einfach Geschmackssache. Und ich mag es einfach nicht, wenn andere Leute meinen, für mich entscheiden zu können, was gut für mich sein soll. Weckt mich einfach, wenn ich zu laut schnarche.

 


 
Beitragsbild von David Libeert